Nikola's Walkabout

Ob am Strand oder im Outback.... langweilig wird's eigentlich nie.
Und Heimweh hin oder her, solange ich hier bin kann ich mich genauso gut amüsieren, oder?

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Dec 31

Nikola-in-the-bush part 6

Als ich an diesem Abend zur Nachtwache komme treffe ich endlich mal zwei Krankenschwestern der alten Besetzung:  Brigid aus England und Liz, eine Quairadingerin (kann man das so sagen?).  Großes Hallo folgt, dann mehr Geklatsche und Getratsche… Manche Dinge sind überall auf der Welt gleich.

 
Meine Mitarbeiterin für heute Nacht ist Chris (auch aus Quairading), vor drei Jahren hat sie hier noch als Köchin gearbeitet, jetzt ist sie PCA (Patient Care Assistant).  Nächstes Jahr würde sie gerne ihre Prüfung zur Krankenschwester machen, “Mal sehn.” sagt sie. 

Die Abstände zwischen den Morphinspritzen für Curly sind von zwei Stunden auf 20 Minuten verkürzt worden, je nach Bedarf.  Ansonsten geht’s ihm unverändert.  Brigid ist der festen Überzeugung, daß es jetzt wirklich nicht mehr lange dauert.  ”Ich wäre überrascht, wenn er bis Mitternacht durchhält.” meint sie.  Barb ist bei ihm und will auch über Nacht bleiben.

 Wir richten uns auf eine ruhige Nacht ein.

Die einzige ambulante Patientin für heute Nacht kommt gegen 22.00 Uhr, 8 Jahre, mit einer eitrigen Bindehautentzündung, die ihr offensichtlich wehtut und sehr zu schaffen macht.  Ich säubere die Augen mit Kochsalzlösung, verabreiche ihr ein paar Augentropfen und gebe der Mutter die Tropfen sowie eine Augensalbe, mit Anweisungen, wie die zu benutzen sind.  Dem Mädchen bläue ich ein, daß sie nach jedem Kontakt mit ihren Augen die Hände waschen soll, damit sie sich nicht ständig wieder selbst ansteckt… und natürlich auch niemand anderes, denn ich hab keine Lust auch noch ihre Geschwister zu behandeln, im Kühlschrank ist nämlich nur noch ein einzelnes Fläschchen mit Augentropfen übrig.

Die Alten schlafen friedlich.  Gegen 01.00 Uhr müssen wir zwei von ihnen drehen und trockenlegen, aber die schlafen auch gleich wieder ein.

Curly erstaunt uns weiterhin mit seinem Durchhalten… was hält ihn hier? Offensichtlich leidet er doch…? Als ich ihm in aller Stille eine weitere Dosis Morphin verabreiche richte ich meine Taschenlampe auf die Einstichstelle des Butterfly.  Sie ist geschwollen und vielleicht verursacht sie ihm zusätzliche Schmerzen.  Bisher hat niemand die Nadel gewechselt, weil wir alle dachten, daß er bald stirbt, und niemand wollte ihn mit einer frischen Nadel piesacken.  Aber wenn er so weitermacht, dann weiß niemand, wielange er das Morphin noch brauchen wird.  Ich entschieße also die alte Nadel zu entfernen und ihm einen neuen Butterfly zu legen.  Barb ist einverstanden. 

Um viertel vor sechs schnappen Chris und ich sich jede einen der Alten und fangen an sie zu duschen.  Grausam um diese Uhrzeit?  Nun ja, diese Alten sind in der Regel Frühaufsteher da sie früher Farmer waren und immer mit der Sonne auf waren, ihr ganzes Leben lang.  Sie werden sich da wohl kaum jetzt noch ändern. 

Ich bin gerade dabei “meinem” Alten, Jack, beim Anziehen behilflich zu sein, als es klingelt.  Chris sagt mir daß Barb mich dringend sehen will.  Ich überlasse Jack in Chris’ Obhut und mache mich auf den Weg in den Krankenhausflügel für Akutpflege.  Ich weiß was kommt, und auch wenn wir es erwartet haben und es uns für Curly herbeigewünscht haben, mir sinkt trotzdem das Herz.  Ich komme im Palliativzimmer an und sehe schon von der Tür aus, daß es jetzt tatsächlich zu Ende geht.  Curly schnappt nach Luft und ist ganz grau im Gesicht.  Seine Frau hat sich halb über ihn geworfen und heult herzzereißend.  ”Ist er tot?” fragt sie.  Ich fühle nach Curly’s Puls und schüttel den Kopf.  ”Er ist noch bei uns, ” sage ich, “aber sein Puls ist sehr schwach”.   Es dauert noch fünf Minuten, dann hat er es endlich geschafft.   

Die Familie wird angerufen, und keine zehn Minuten später ist Brian mit seiner Frau da.  Curly’s Leiche ist noch nicht kalt, da bricht ein Streit aus, wer wen am meisten geliebt hat.  Ich will gerade eingreifen, da stürmt Brian auch schon wieder weg.  Schade.  Egal welcher Religion man angehört, oder ob man keiner Religion angehört, wenn man vielleicht auch nur im Zweifelsfalle annehmen möchte, daß mit dem Tod nicht einfach alles vorbei ist… dann war das jetzt doch Curly’s Ableben, und es ist nicht fair ihm gegenüber, sich gegenseitig vor ihm an die Kehle zu gehn, solange er hier in diesem Zimmer noch in irgendeiner Form anwesend ist.  Aber wenn die Emotionen hochschlagen, dann sind sie eben schwer zu kontrollieren. 

Ich gehe ins Schwesternzimmer und erledige den ganzen Papierkram der mit dem Tod eines Patienten so einhergeht.  Der Frühdienst, Brigid und Liz, trudelt ein und bekommt eine sehr abgekürzte Version der Übergabe, denn ich muß noch was Wichtiges tun bevor ich gehe. 

Barb und ich wollen Curly’s Leichnam waschen.    Ich richte Waschschüsseln, Waschlappen und Handtücher her, sowie Bandagen und Kompressen.  Wir sind beide erstaunt, wie sehr Curly sich in dieser kurzen Zeit verändert hat.  Er ist nicht  zu wiedererkennen.  Kaum zu glauben, daß etwas so Gewichtloses, Unsichtbares wie die Seele oder der Geist eine solche Veränderung hervorrufen kann. 

Etwas aufgewühlt gehe ich zurück zum Schwesternwohnheim.  
 
 


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