Narembeen 3
Als Yogi aus dem Auto stieg, hüpfte er für fünf Minuten fröhlich rum, dann gähnte er, humpelte zurück zum Auto und vermittelte mir unmißverständlich, daß dieser Ort ihn nicht sonderlich beeindruckte, und wir jetzt wieder heimfahren könnten seiner Meinung nach… ging natürlich nicht. Mein Vertrag zog sich über vier Nächte, und die würden wir nun eben wohl oder übel durchstehen müssen…
Narembeen Hospital hat sechs Patienten (!). Zwei von ihnen sind angeblich Akutpatienten, davon hab’ ich aber nichts mitgekriegt. Für mich waren das alles einfach ältere Mitbürger, die nicht mehr für sich selbst sorgen können.
Da am frühen Morgen niemand geduscht werden mußte, hatten wir außer gelegentlichen Kontrollrundgängen nichts weiter zu tun. Unsre Verantwortung lag hauptsächlich darin wachzubleiben, falls uns irgendjemand vom Ort bräuchte.
Irgendjemand schlief. Der Ort schlief.
Wir tranken Kaffee in rauhen Mengen.
Selbst am “Australia-Day” (26. Januar), als alle im einzigen Pub Narembeens saßen und wir mit Schlägereien oder zumindest ein paar Bierleichen rechneten, blieb alles ruhig.
Ein älterer Herr, einer unsrer Patienten, sorgte dann und wann für etwas Abwechslung, indem er entweder ins Bett, auf den Boden oder, wenn wir Glück hatten, ins Waschbecken pinkelte. Meistens machte er sich dabei auch noch in die Hosen, so daß man erstmal nicht wußte, wo man das Kerlchen anfassen sollte, da er vorne und hinten zum Himmel stank. Er war aber so ein süßer Opi, man hätte ihm wohl alles verziehen… und wozu gibt’s denn Gummihandschuhe?
Ich halte Langeweile für eine Straftat, die ich an mir selbst begehe. Solitär spielen bringt mildernde Umstände, aber man kann eben nur so und so oft seinen eigenen Rekord brechen bis auch das stinklangweilig wird.
Gegen drei Uhr morgens bin ich so gelangweilt daß ich heulen möchte, und ich könnte mich zum x-ten mal dafür ohrfeigen, daß ich das Buch, das ich zu lesen angefangen hatte, auf dem Nachtschränkchen in meinem Quartier liegen gelassen habe (ganz ausgezeichnet übrigens: Michelle De Kretser: “The Rosegrower”, spielt in der Zeit der französischen Revolution… nur eben leider auf meinem Nachtschränkchen und nicht hier!).
Meine grauen Zellen brüllen nach anspruchsvoller Unterhaltung, und ich müll’ mich mit Solitär spielen zu…?
Ich beginne mich mit mir selbst zu unterhalten. Nach jedem gewonnenen Spiel freu’ ich mich kindisch über das animierte Feuerwerk auf dem Bildschirm und beglückwünsche mich zu meinem Erfolg. Nach einer Weile stelle ich mir das Feuerwerk in Originalgröße vor und errechne daraus die ungefähre Größe, die die Spielkarten haben müssen (ca.20 auf 30 Meter schweren Pappkartons…), und wie ich per Mausklick veranlasse, wie Kräne die riesigen Spielkarten auf die korrekten Haufen hieven damit das Spiel zum Schluß richtig aufgeht, dann wieder das Feuerwerk (und der Applaus, der nur von mir gehört wird), und meine Dankesrede (auf english!), daß ich das ohne die Hilfe meiner treuen Kranführer, die meinem Kommando ohne Widerrede gefolgt sind niemals hätte vollbringen können… Es wird noch schwülstiger, bis ich von einem erstickten Lachen unterbrochen werde: Meine Kollegin hat die ganze Zeit über hinter der Tür gestanden und alles mitangehört… Ich muß gekuckt haben wie ein Schaf, mit Sicherheit hab’ ich mich wie eins gefühlt. Aber das Lachen ist ansteckend, und bald halten wir uns die Bäuche, und erspinnen weitere Dankesreden bis uns die Tränen vor Lachen runterlaufen.
So bringen wir auch diese Nacht (erfolgreich!) hinter uns….